Kategorie: Weitere Literatur (Auszüge)

Kurpfalz Impressionen (Auszug)

Auf den Spuren einer vergangenen Schönheit:
Eine Reiseromanze an der stillgelegten Bahnlinie
von Meckesheim nach Wiesloch

„Verzeihn Se, Herr Oberinspekta, aber uff welchem Perron find ick den Zug nach Horrenberg?“.

Dielheim Bahnhof

Wilhelm Kern, Bahnhofsvorstand der kaiserlichen Eisenbahnen in Meckesheim, trieb es solcher Maßen den Schweiß auf die Stirn, dass er trotz heftigen Tupfens mit dem dienstlichen Taschentuch vereinzelte von der Nasenspitze fallende Schweißtropfen nicht verhindern konnte. War es die gewitterschwangere, schwüle Hitze jenes Julitages 1904, war es die Leibesfülle, die sich der Amtmann standesgemäß angeeignet hatte oder war es gar das sommerliche, gewagt geschnittene Dekolleté der jungen Berlinerin?

Er konnte die Ursache der Bedrohung nicht erkennen. Ja, er musste sogar mit seiner dienstlich korrekten Antwort noch warten, bis zumindest die Lok des Zuges nach Sinsheim lärmend und tosend vorbeigeschnauft war, Dampf seitlich abblies und eben jenes Dekolleté in einen feuchtwarmen Nebel hüllte, so dass der preußisch geprägte Amtmann für einen kurzen Moment an eine teuflische, die Ordnung der Dinge bedrohende Versuchung glaubte.Keine zehn Minuten, nachdem der Bahnhofsvorstand Wilhelm Kern zum ersten und einzigen Male in seinem Leben fast die Contenance verloren hätte, rollte der Nebenbahnzug aus dem Meckesheimer Bahnhof in Richtung Schatthausen.

Historisches SchildGenau dort, also unmittelbar am Meckesheimer Bahnhof, ist der alte, nach Schatthausen abzweigende Bahndamm noch gut zu erkennen. Doch ehe wir mit den Fahrrädern richtig Fahrt aufnehmen können, endet die Spur der Bahnstrecke in einem Neubaugebiet. Nur durch die Hilfsbereitschaft alteingesessener Meckesheimer schaffen wir es, oberhalb des Ortes den Verlauf der einstigen Bahntrasse wieder aufzunehmen. „1903“ prangt es von dem Grundstein eines verwunschenen Bahnviadukts, das einsam und verloren hoch über den Feldern thront. In der weiteren Umgebung entdeckt man zerschnittene Bahndammreste, so dass sich, mit etwas Phantasie, der einstige malerische Streckenverlauf erahnen lässt. Um die Jahrhundertwende 1900 war das goldene Zeitalter der Eisenbahnen. Wir denken meist, dass nach der Kutsche in direkter Folge das Auto kam, doch es waren die Eisenbahnen, die in der Gründerzeit als Synonym für Moderne standen. Ein Bahnhof bedeutete Wohlstand, bedeutete eine Lebensader zur Welt. Kaum ein Ort, der nicht mehr oder weniger erschlossen war. Heute dienen die aufgegebenen Strecken zumeist als Radwege. Doch hier und da tritt der ursprüngliche Zweck so deutlich zu Tage, dass man meint, das Zischen und Schnaufen eines Geisterzuges vernehmen zu können. Wir kämpfen uns auf den verwilderten Bahndamm hinauf. Wie eine sanfte Totendecke legt sich ein Schleier aus Efeu über die Konturen der Gleise. Lediglich ein Alt-68er Gärtner scheint die Einsamkeit des Ortes zu schätzen. Wir wollten eigentlich nur per Rad dem Lauf einer ehemaligen Eisenbahnlinie folgen und erliegen nun ganz dem Zauber und der morbiden Romantik dieser wunderschönen Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Heftiger Gewitterdonner mahnt drohend zum Aufbruch, als hätten wir die Totenruhe jener einstigen Nebenbahn von Meckesheim nach Wiesloch gestört, deren Schönheit man mehr und mehr erahnt.

Der EntenmörderDer Donner übertönte für einen Moment sogar die Humboldt T3, im Volksmund schlicht „Entenmörder“ genannt, die jetzt endlich schwer keuchend die Kuppe erreicht hatte und erleichtert gen Schatthausen zu Tale rollte, um im dortigen Bahnhof den ersten Halt einzulegen.

„Der ist schnittiger als der Dicke in Meckesheim.“, dachte die Berlinerin, als sie den adretten und jungen Vorsteher des Schatthäuser Bahnhofs sah, der, den wertenden Blicken gewahr, stolz seinen gefetteten Bart zwirbelte. Nichts lenkte ihre Aufmerksamkeit ab von diesem schönen Burschen, nicht einmal die sich um Radfahrer sammelnde Menschenmenge oben unter der idyllischen Schatthäuser Eisenbahnbrücke. Immer mehr Einwohner kommen hinzu, um uns alles zu „ihrer Eisenbahn“ zu erzählen: „Jedes Jahr findet unser Brückenfest statt“, „An den Akazien erkennt man die ehemalige Strecke, dort wo sie nicht zum Radweg geworden ist.“. Wir lesen in Chroniken und sehen alte Hinweis-Schilder, die flugs aus dem Keller geholt werden.

ViaduktDann geht alles furchtbar schnell: Ein mörderischer Donnerschlag zieht den Vorhang auf für sintflutartigen Regen. „Kommen Sie herein“, bietet uns eine Schatthäuserin gastfreundlich Schutz an.

Der Blitz hatte den ohnehin schon morschen Fuß der Dorflinde in Sekunden ausgebrannt, so dass diese nun mit Getöse auf das Gleis krachte. Der gerade mit einem Ruck angefahrene Zug musste mit einem erneuten heftigen Ruck stoppen. Zu viel der Dramatik für die schöne Städterin, – eine Ohnmacht überkam sie, eine Ohnmacht, die dem aufmerksamen Amtmann nicht entging …

Epilog

In der vom Regen gereinigten, nun glasklaren Luft erscheinen die Artefakte auf der verbleibenden Bahnstrecke nach Wiesloch noch viel schöner. Etwa der restaurierte Dielheimer Bahnhof, der erst als Wohnhaus und heute als Theater dem Untergang entgehen konnte.

Gehen Sie wie wir mit dem Fahrrad auf Spurensuche nach dieser verstorbenen Schönheit! Und nehmen Sie viel Phantasie mit, dann lässt sie sich wachküssen!

„E’ Berlinerin hot uff Horreberg fahre wolle, isch wege sellem arge Gewitter en Schatthause hänge gebliewwe und hot jetzat, ma stell sich des vor, den dortige Stationsvorsteher geheiat, isch des nett gschpessisch?“, tratschte die Gattin des Meckesheimer Stationsvorstehers, indem sie ihm zwei dicke Knödel auf dem Teller platzierte. „Ein kaiserlicher Beamter der Reichsbahn kennt die Signale!“, entgegnete er tiefsinnig blickend und erfreute sich der göttlichen Ordnung der Dinge, während sie nicht verstand und seinen Worten auch, wie immer, keine tiefere Bedeutung beimaß.

Michael Mende

Kurpfalz Impressionen

Der Auszug stammt aus dem Buch „Kurpfalz Impressionen“
ISBN 3-937034-73-0, welches mittlerweile in der zweiten Auflage erhältlich ist.

Bei uns uffm Dorf gibt’s noch Heimat

Im Jahre 2001 erhielt dieses Gedicht den 1. Preis in der Kategorie Lyrik des Arbeitskreises Heimatpflege Baden-Württemberg.

Inhalt:

Bei uns uffm Dorf gibt’s noch Heimat,

en grie ogschdrischener Läädawarre midde em vier Komma sechs Zentimeter Rase,
Blumme wachse drin, Efei krawwelt en de Speiche ummenonna, weil – er muß jo nimmi fahre.

Fa die Leit, zum Ogucke beim Sunndagsschpaziergong.

Bei uns uffm Dorf gibt’s noch Heimat,
Drei Fachwerkhaiser pikobello, jeder Holznagel poliert und frisiert,
Erkerlin sou schmuck, Butzescheiwe un a sunschd viel Glas,
die wenischer scheene weggeputzt!

Fa die Leit, wu mit de Auto durchfahre.

Bei uns uffm Dorf gibt’s noch Heimat,
en Wald, kerzegrad. Uffgerohmt wie‘s sich ghert,
Bächlin mi’m Lineal gezorre, do kummt nix me krumm,
Die Wisse, Koppeln mit Stacheldroht unner Strom,

fa die Gail vun de Schdudierte

Bei uns uffm Dorf gibt’s noch Heimat,
s’Museum, wu alles nogschlaft worre isch: Dreschflegel und Seilzieg,
Boddschamber un Kicheherd, Kartofflsäck und Weltkriegskarde, –
un de Rescht isch uff de Sperrmüll gflore.

Fa die Leit, wu unser Heimat nochemool kennelerne wolle.

„Ihr Leit, ihr Leit“,
kreischt die alt datterisch Oma vor der Kriegsberichte en de Spätnachrichte:
„Jetzat guck do no, die arme Lait, hewwe alles verlore, ihr Hab un Gut, ihr Lewe, ihr Heimat,
d’ihr Leit, wie isch des furchtbar!“

„Kumm Oma, reg die numme nett uff. Des isch weit weg! Des senn net mir! Uns geht’s doch saugut, mir hewwe noch
Hab un Gut, un Lewe!“

Michael Mende